Hallo Leute, moin aus Bremen und viel Spaß beim Lesen des dritten Kapitels.

 

Weiter geht’s mit der Instandsetzung  des Motors, des Getriebes und der Kupplung

 

Da das Restaurieren eines Russengespanns bisher nicht zu meinen alltäglichen Aufgaben gehörte, machte ich mich mit dem ausgebauten Motor zu einem Profi auf, um die zuvor beschriebenen Schäden begutachten zu lassen. Ich hatte mir einen Termin bei Jörg Warnke besorgt, damit er sich  das Trauerspiel von einem Motor einmal  aus der Nähe anschaut um mir dann evtl. zu sagen:“ Schmeiß weg das Teil“, oder : „Lohnt sich noch“!  Die zweite Aussage wäre mir natürlich lieber gewesen.

 

Bei Jörg angekommen (ich kannte ihn bis dahin nicht persönlich), glaubte ich,  er würde sofort den Motor in Augenschein nehmen und mir mit seinem Urteil  die Entscheidung abzunehmen, den „General“ evtl. in Einzelteilen zu verscherbeln, oder doch das Abenteuer Restauration zu wagen.

 

Weit gefehlt!

 

Dieser Mann strahlt eine derartige Ruhe aus, dass ein russischer Braunbär, der sich im Winterschlaf bewegt dagegen wie ein Stepptänzer wirkt. Er wollte alles andere von mir wissen, nur nichts über den Motor und machte keinerlei Anstalten, sich das Teil anzuschauen. Einen Vorteil hatte das Gespräch dennoch: Es fand in seinem Lager mit daran anschließender Werkstatt statt, sodass  ich mir während unserer Unterhaltung  einen groben Überblick über seinen Betrieb verschaffen konnte. Im Lager Unmengen von Ersatzteilen. Für einen Laien wie mich völlig unübersichtlich angeordnet, aber, wie sich später herausstellte, für Jörg überhaupt kein Thema innerhalb von wenigen Minuten das von seinen Kunden benötigte Teil zu finden. Genial ! 

In der Werkstatt stand  u.a. eine perfekt restaurierte schwarze M72. Ich bekam sofort leuchtende Augen. So stellte ich mir das Ergebnis meines eigenen Versuchs vor, einem alten Motorrad neues Leben einzuhauchen.

 

Endlich bequemte sich Jörg , das Objekt wegen dessen ich eigentlich hier war, in Augenschein zu nehmen.

Ich schilderte ihm die offensichtlichen Mängel und bei meiner Aussage: „Auf dem rechten Kolbenboden befänden sich Eisenspäne und Motorenöl“  verzog er sein Gesicht nur zu einen müden Lächeln und sagte: „Oooch, Eisenspäne und Öl, wie schrecklich“!

Er sagte das in einem Tonfall, als wäre das dass Normalste von der Welt.  Was mich in Panik versetzte, war für diesen Mann einfach nur eine Gegebenheit, die bei den „Russen“ wahrscheinlich zum Alltag gehörte

 

.Obwohl ein Kerl wie ein Bär, hatte er doch Gefühl in den Fingerspitzen wie ein Gynäkologe. Er ertastete sofort auch kleinste Rillen an den Zylinderwänden. Nach Überprüfung der Zylinder, der Kolben und der Pleuellagerspiele kam er zu dem Ergebnis, dass ich den Motor zerlegen, die Zylinder  honen und neue Kolben in Übergröße einbauen solle, was sich im nachhinein als guter Tipp  herausstellte.

 

Wohl gemerkt, die Überprüfung des Motors fand ohne Messgeräte auf der Ladefläche meines Kombis statt und diente nur einer groben Einschätzung: Lohnt sich eine Instandsetzung, oder lohnt sie sich nicht!

 

Es wurde Zeit, sich zu verabschieden. Ich fragte ihn noch, was er für sein „Gutachten“ an Geld bekäme, worauf er nur kurz antwortete: „Bring nächstes Mal Bier mit“ ! 

Hätte auf der Rückfahrt nach Bremen meine Frau neben mir gesessen, sie hätte mich bestimmt gefragt: „Warum schmunzelst du eigentlich immer so gedankenverloren“?

Hätte sie es verstanden?

 

Honen und neue Kolben.

 

Weil mir die nötige Erfahrung und das nötige Werkzeug fehlen, die beiden Zylinder zu honen, habe ich mich entschieden, die Arbeiten von einem Fachbetrieb ausführen zu lassen.

Ich glaube nämlich nicht, dass man diese Arbeiten, wir reden hier von Schleifarbeiten im 1/100 mm Bereich, mit Bohrmaschinenaufsätzen ausführen kann, wie sie immer wieder angeboten werden. Darüber hinaus benötigt man Messgeräte (Micrometerschraube), die man evtl. nie wieder braucht, die aber viel Geld kosten, das man  für andere Dinge gewiss dringender braucht.

Also, die „ Gelben Seiten“ aufgeschlagen und nach Firmen gesucht, die Motoren instand setzen.

In einer Großstadt kein Problem. Wohnt man außerhalb, lohnt sich die Fahrerei zu einem entsprechendem Betrieb meines Erachtens nach aber trotzdem. Warum ?, Später.

Ich habe mich für eine Firma entschieden, die in Bremen einen guten Namen hat und ganz in meiner Nähe ansässig ist.

 

Mein Motor, ihr erinnert euch, war zehn Jahre den Witterungsbedingungen ungeschützt ausgesetzt. Dementsprechend der Zustand. 

 

 

 

 

Der Motor im "Rohzustand"  

 

 

 

 Ein Bekannter von mir, der als Kfz-Mechanikermeister in einer großen Bremer VW-Werkstatt arbeitet, hat mir mal erzählt, dass einige Kunden mit derart verdreckten Autos, bzw. Motoren in die Werkstatt kommen, dass die Mechaniker nur widerwillig die notwendigen Reparaturen an den Aggregaten ausführen würden.

Irgendwie verständlich, denn wer hat schon Lust, erst dicke Schichten von Dreck/Ölgemisch zu entfernen, bevor er an irgendeine Schraube kommt, die er lösen muss.

 

Bei Hobbyschraubern spielt das meiner Meinung nach nur eine untergeordnete Rolle, restaurieren/reparieren wir doch „Alte Gurken“, die jahrelang irgendwo herum standen  und/oder auch bei Dreckswetter bewegt werden, so dass man zwangsläufig in die Sch… greift.Das gehört irgendwie dazu, wenn man ein solches Hobby betreibt

 

.Ich will aber keinen Profi- Mechaniker, der seine Arbeit u.U. halbherzig ausführt, nur weil alles verdreckt ist. 

Also das Teil erstmal säubern. Aber wie?

Gut, den groben Dreck kann man leicht mit der Drahtbürste oder anderen Werkzeugen entfernen. Aber man kommt nicht in jede Ecke und die Oberfläche bekommt man auch nicht so hin, wie man es sich

wünscht. 

  

.Alternative: Sandstrahlen!

 

Als eifriger Leser des bma-magazins ist ein  Sandstrahler leicht gefunden (Werbung muss sich auch mal auszahlen), die Fa. http://www.sandstrahlen-paulawitz.de/ Zwischen Bremen und Verden gelegen, gerade noch akzeptabel von der Entfernung her, macht einen wirklich sehr guten Job . Eine Beratung,  (der Inhaber hat mir ausführlich, z.T. unter zur Hilfenahme eines Mikroskops erklärt, warum welches Strahlgut für welches Material besonders geeignet ist ) die ihresgleichen sucht, macht den Zeitaufwand ( 2 x Hin- und Rückfahrt a 45 Min.) mehr als wett. Zumal der Preis für das Strahlen nahezu unschlagbar ist. Für Schrauber aus der Nähe absolut empfehlenswert.

 

Der Nachteil des Strahlens ist natürlich das Strahlgut selbst. Es ist gerade beim Sandstrahlen so fein, dass es  durch jeden noch so gut abgedichteten Spalt dringt, evtl. wichtige Bohrungen verstopft und nachher, wenn man nicht auch noch das letzte Körnchen entfernt zwischen sich bewegenden Teilen wie Schmirgelpapier wirkt. Die Auswirkungen sind klar, denke ich.  

 

 

Fazit: Sandstrahlen nur, wenn die die Teile nachher so zu zerlegen sind, dass eine Reinigung vom Strahlgut zu 100% möglich ist.

Besser ist es natürlich, vorher den Motor komplett zu zerlegen und das „leere“ Gehäuse zum Sandstrahlen zu bringen. Das Gilt natürlich auch für einige andere Teile.

 

 

Da ich meinen Motor dem Instandsetzer aber als „ganzes“ , sauberes Triebwerk überlassen wollte, habe ich das Teil so gut es ging abgeklebt und dann zum Strahlen gebracht.

Wusste ich doch, dass ich es danach vollständig zerlege.

 

 

 Das Motorgehäuse nach dem Sandstrahlen. Man beachte die Konserndosen, die die noch                   

                                            eingebauten Kolben  abdecken. 

 

 

 

 

So, alles sauber

 

Zylinder undKöpfe montieren und ab mit dem Teil zum Motoreninstandsetzer.

Ich fahre zur Firma Spatz & Heitmüller, dem Unternehmen, das ich mir im Branchenbuch ausgesucht hatte

.In der Eingangshalle, in der sich die Reparaturannahme der Firma befindet, sind überwiegend Schiffsmotoren ausgestellt. Da sich vor mir ein Kunde  am Annahmeschalter befand, hatte ich Gelegenheit, mich ein wenig umzusehen.  

Es waren Schiffsmotoren ausgestellt, die mich von den Dimensionen her daran zweifeln ließen, dass die Mechaniker dieser Firma Motoren einer M72 mit gerade mal 750 ccm Hubraum und einem Zylinder Innendurchmesser von 78mm bearbeiten können. Motoren dieser Größenordnung werden auf Dickschiffen vielleicht gerade mal für den Druckluftaufbau  von Nebelhörnern verwendet und, wenn kaputt, entsorgt.

 

 Bin ich hier richtig?

 

 Der Kunde vor mir ist weg, ich geh zum Tresen und werde sofort bedient.

Auf meine Frage.“ Reparieren Sie auch Kleinmotoren“? bekam ich überraschend  zur Antwort: „Warum nicht“? Wir reparieren alle Motoren“! Was  für einer isses“? Ich: „750ger Benziner, Russe, 50 Jahre alt, Zylinder müssten gehont werden und dann evtl. neue Kolben“! „Für`n Russen neue Kolben?,fragte er. Wo soll ich die denn hernehmen“?  Meine Antwort: „Kolben kann ich besorgen“ machten mich  stolz, war ich ihm doch jetzt überlegen. Er: Gut wo ist der Motor“? Ich. „Im Kofferraum“! Und jetzt der Hammer, sagt der doch tatsächlich:  „Lass drinn, ich schick dir „nen Monteuer, der guckt sich das an.

 

Tatsächlich, keine zwei Minuten später kommt ein Mechaniker, dem man sofort ansieht, das er seit Ende seiner Schulzeit vor geschätzten 40 Jahren als Mechaniker arbeitet und zu Hause seinen Kaffee nicht  aus Tassen sondern aus abgedrehten Kolben trinkt.

Tatsächlich hat er auch gleich ein Messgerät dabei. Eine Innenmessuhr, mit der er irgendwelche Maße nimmt und mir dabei Fachausdrücke um die Ohren haut, die mich schwindelig machen (Ovalität, Messzonnen usw).

Ergebnis: „Die sind schon mal geschliffen, aber wir können noch mal honen“! Gott sei Dank! Aber was ist mit den Kolben? Gibst dann noch eine entsprechende Übergröße? Ich gebe das Honen der Zylinder trotzdem in Auftrag, mit der Bitte, mir  nach Abschluss der Reparaturarbeiten die genauen Maße durchzugeben, damit ich  die passenden Kolben besorgen kann.

 

Ob es klappt?

 

Weiter in Folge 4.

 

Kommt alle gut durch den Winter,bis bald

 

Euer Uralbändiger Budelmann

 

 

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